"Der rote Gentleman"
aus: Pauker, Manfred / Orieschnig, Dominik "Rollenspiele", Graz, M+N Medienverlag, 2005

Können unsere Stars und Idole, unsere Sündenböcke und Unterhunde wirklich Hilfe sein auf der Suche nach der eigenen Identität? Können unsere zahlreichen Castings, die wir an anderen vornehmen, uns davor bewahren, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen?
Harald Sicheritz, Regisseur und Drehbuchautor, ist ein Meister des Castings. Für seinen Fernsehfilm Zwölfeläuten hat er alle 14 Hauptrollen meisterhaft besetzt. Ein Schauspieler sagt über ihn: "Harald Sicheritz ist ein großer Menschenkenner, der ... Menschen um sich gruppiert und in die Positionen setzt, wo sie richtig am Platz sind. Daher gibt es bei seinen Produktionen so gut wie keine menschlichen Probleme. Er ist wie der Indianerhäuptling Red Cloud oder wie ein Ordensgeneral, der genau weiß, welche Gnadengaben die Leute haben und sie entsprechend einsetzt und fördert."
Tatsächlich geht es bei seinen Besetzungen weniger um Gesichter, als vielmehr um die richtigen sozialen Zusammenhänge, die er bis ins Detail durchschaut. Er kennt alle Mitglieder des Stammes und besetzt aus einem tiefen Sozialverständnis heraus. Das macht ihn erhaben über die mannigfaltigen in der Unterhaltungsindustrie vorherrschenden optischen Kriterien und die daraus resultierenden geschmacklich-inhaltlichen Nivellierungen. Seine so genannten Kabarett-Filme – ob sie Muttertag, Poppitz, Hinterholz 8 oder MA 2412 heißen – sind daher nie wirklich Comedy-Filme, sondern nichts weniger als gekonnte Annäherungsversuche an die österreichische Sozialpsyche. Sie sind so etwas wie das "Kleine Bezirksgericht" der Kronen Zeitung für Abiturienten, so etwas wie das Gratisschulbuch für österreichische Lebensmaturanten der Kreisky-Ära.
Sicheritz, das ehemalige Wiener Wunder – so der Name seiner Band in Jugendjahren – ist aber eigentlich auch selbst ein Casting-Opfer: Er ist der filmische Verkünder einer Botschaft, an die, wenn es wirklich ernst wird, keiner mehr glauben will. Und so steht er allein vor Pilatus als der letzte Märtyrer des Sozialismus, als großer Sozialismusromantiker, voller Liebe für Land und Menschen, der selbst in dieser wundervollen Welt, die ihm da von Jugend an prophezeit wurde, die schwersten Schläge und Geißelungen einstecken musste. Harald Sicheritz – ein Winnetou am Marterpfahl. Der Indianer von Stamme Kreiskys, der diesen bereits als blutjunger Fernsehjournalist für das Kult-TV-Magazin Ohne Maulkorb interviewt und später selbst zum gezeichneten Nachfolger im Stamme des befreiten Arbeiters wird, doch schon bald erkennen muss, dass selbst Häuptlingen nicht nur goldene Zeiten blühen.
Wäre er von Anfang an auf der anderen Seite gewesen, hätte er wahrscheinlich die modernen Verfilmungen der Inhalte des barocken Wiener Jesuitentheaters besorgt, wo der Kampf der Klassen und der Massen noch ein innerer war, nämlich ein vom Individuum zu führender Kampf auf dem Schlachtfeld der eigenen Seele, und man hätte ihn wahrscheinlich schon längst zur Ehre der Altäre erhoben, diesen "Leader of Man". Oder vielleicht auch zum Ketzer erklärt, die Grenze hin zum Sündenbock ist ja überall eine fließende.
Natürlich kann ein Harald Sicheritz das historische Österreich so adäquat erfassen, weil er die sozialen Konstellationen durchschaut, die auch real zum Aufbau dieses Österreich geführt haben – wenn er auch als alter roter Romantiker oft übersieht, dass das Reich der Reblaus und die Freiheit Österreichs nicht nur auf politischen Wiener Wundern, Schmähs und Tricks erbaut wurde – im Sinne der legendären Karikatur Figls bei den Staatsvertragsverhandlungen mit den Sowjets: "Raab, jetzt noch die Reblaus, dann sind's weich!" – sondern dass jedes Gemeinwesen auch auf unzähligen unsichtbaren Säulen ruht. Hier fehlt ihm noch der Mut zum Mysterium und zum Metaphysischen.
Nichtsdestotrotz wird ihn der ORF irgendwann noch ausrufen müssen zum humanistischen Heiligen der Unterhaltungsindustrie, der unter den widrigsten Bedingungen von Zeit, Geld und allen anderen nur denkbaren Unzumutbarkeiten, die man ihm aufgenötigt hat, im Film dieses Österreich zu kreieren imstande ist, dass er so verherrlicht und an das er so sehr glaubt. Denn das, was Sicheritz in seiner Arbeit geschaffen hat, konnte nur mit Liebe zum Land und zu seinen Menschen zustande kommen. Seine Österreich-Verfilmungen sind in Wahrheit profanierte Sozialenzykliken.
Würde Ignatius von Loyola, der Gründer des so wissenschafts- und kunstbeflissenen Jesuitenordens, der schon im 16. Jahrhundert die Gratisschule für sozial schwache Kinder eingeführt und in Paraguay das so genannte "Heilige Experiment", das in der Weltgeschichte einzige gelungene urkommunistische Langzeitprojekt verwirklicht hat, würde also dieser Mann heute zu mir kommen und mich fragen, wen er mit der Verfilmung der für seinen Orden so brennenden sozialen Fragen beauftragen sollte, dann würde ich nicht sagen: "Haneke, Seidl oder Albert", sondern ich würde ihm antworten: "Harald Sicheritz". Und wenn Loyola mich fragen würde, warum, würde ich antworten: "Weil er das größte Sozialverständnis und nicht bloß soziologische Beobachtungskompetenz hat, und weil seine Filme Humor haben". Und würde er mich dann als katholischer Geistlicher fragen, ob Harald Sicheritz überhaupt ein religiöser Mensch ist, dann würde ich antworten: "Ich weiß es nicht, und es spielt keine Rolle, denn wer ein soziales Herz hat, wer an die Welt glaubt, der ist automatisch auf dem Weg, auch an Gott zu glauben. Wer aber schon nicht an die Welt glaubt, der ist verloren."
Harald Sicheritz – ein Winnetou am Marterpfahl. Wie hieß doch gleich der Untertitel von "Winnetou", Band I, in der Erstausgabe? "Der rote Gentleman". Eben.